Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Prof. Pierre-Alain Clavien (Privatklinik Bethanien und Universität Zürich) hat am Beispiel einer komplexen Leberoperation gezeigt, wie chirurgische Innovationen strukturiert und sicher eingeführt werden können.
Ihre Arbeit, die auf der Jahrestagung der European Surgical Association in Genf vorgestellt wurde und demnächst in der Fachzeitschrift Annals of Surgery erscheinen wird, verdeutlicht das entscheidende Gleichgewicht zwischen dem lebensrettenden Potenzial und den Risiken einer zu frühen oder unzureichend belegten Einführung neuer Techniken.
Im Mittelpunkt der Studie steht der IDEAL-Rahmen (Idea; Development; Exploration; Assessment; Long-term study), ein Fünf-Stufen-Modell, das an der Universität Oxford entwickelt wurde, um die Bewertung neuer chirurgischer Verfahren zu leiten - von der ersten Idee über die Entwicklung und den Sondierungseinsatz bis hin zur formalen Bewertung und langfristigen Nachbereitung in der Routinepraxis. Durch die Forderung nach schrittweiser Prüfung, transparenter Berichterstattung und soliden klinischen Daten will IDEAL sicherstellen, dass Innovation mit Patientensicherheit und wissenschaftlicher Qualität einhergeht.
Das in Zürich entwickelte ALPPS-Verfahren (Associating Liver Partition and Portal Vein Ligation for Staged Hepatectomy) wird als Vorzeigebeispiel für diesen strukturierten Weg vorgestellt. Anfänglich mit hohen Komplikationsraten verbunden, wurde das ALPPS-Verfahren durch ein internationales Register, eine Konsensuskonferenz zur Festlegung von Indikationen und technischen Standards, eine randomisierte kontrollierte Studie im Vergleich zur konventionellen Chirurgie und ein Benchmarking-Projekt zur Festlegung globaler Qualitätsziele systematisch verfeinert. Diese Kombination von Instrumenten führte zu einer deutlichen Verringerung der Sterblichkeit und machte die ALPPS zu einer sicheren Option für Patienten mit ausgedehnten Lebertumoren, die zuvor als inoperabel galten.
Über ALPPS hinaus argumentieren die Autoren, dass die Zukunft des chirurgischen Fortschritts - sei es bei minimalinvasiven oder robotergestützten Verfahren - von globaler Zusammenarbeit, gemeinsamen Datenplattformen und standardisierten Bewertungsmethoden abhängt. Das IDEAL-Modell wird nicht als starres Protokoll vorgeschlagen, sondern als praktischer Leitfaden für die verantwortungsvolle Umsetzung chirurgischer Innovationen aus dem Operationssaal in den klinischen Alltag, um sicherzustellen, dass neue Techniken den Patienten zugute kommen und gleichzeitig strenge wissenschaftliche Standards eingehalten werden.
Veröffentlichung:
Linecker M, Pfister M, Kambakamba P, Lang H, de Santibañes E, Barkun J, Clavien PA. Bewertung chirurgischer Innovationen: ALPPS: Ein IDEAL-Beispiel für disruptive Innovation. Ann Surg. 2025; 282(5): 678-689.