Die Schweiz zählt zu den Ländern mit den höchsten Gesundheitsausgaben der Welt. Pro Kopf sind es rund 10'000 USD jährlich, gegenüber einem OECD-Durchschnitt von 6'000 USD. Insgesamt wendet die Schweiz derzeit rund 12 % ihres Bruttoinlandprodukts für das Gesundheitssystem auf, während der OECD-Durchschnitt bei 9,3 % liegt. Ob dieser Betrag angemessen ist, lässt sich kaum objektiv beantworten. Klar ist jedoch: Auch in einem der wohlhabendsten Länder der Welt sind die personellen und finanziellen Mittel begrenzt und dies nicht nur im Gesundheitswesen - denn auch bei gilt, dass jeder Franken leider nur einmal ausgegeben werden kann.
Genau darum geht es im aktuellen Schwerpunktbeitrag der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW). Prof. Christoph A. Meier, Internist, Endokrinologe und CMO von VIVA Health Swiss, beschreibt darin, wie ökonomische Anreize im Gesundheitswesen bestimmen, wohin Geld und Personal tatsächlich fliessen – und wie stark diese Anreize vom tatsächlichen gesundheitlichen Nutzen für die Bevölkerung abweichen können.
Ein oft unterschätzter Punkt: Die sogenannten Social Determinants of Health, d.h. sozioökonomische Faktoren, wie Bildung, Arbeit, Wohnsituation und Verhalten, bestimmen 80% der Gesundheit einer Bevölkerung und nur 20 % sind direkt auf die medizinische Versorgung zurückführen. Das relativiert die Bedeutung, die der Spitzenmedizin in der öffentlichen Debatte oft zugeschrieben wird und legt nahe, dass eine optimale Ressourcenallokation über den engeren Gesundheitssektor hinaus gedacht werden muss.
Meier plädiert für einen Systemwechsel: weg von einer Vergütung, die sich primär an der Anzahl erbrachter Leistungen orientiert, hin zu einem Wettbewerb auf Basis von transparenten Metriken des tatsächlichen «Impact on Outcome». Voraussetzung dafür wären u.a. eine umfasssendere und automatische Erfassung der Behandlungsresultate ('Outcomes'), sowie ein systematisches Health Technology Assessment (HTA), das in der Schweiz bislang weniger verankert ist, als es für ein medizinisch führendes Land wünschenswert wäre.
Konkret zeigt sich das etwa bei der Behandlung des lokalisierten Prostatakarzinoms. Abwartendes Beobachten, operative Entfernung und Strahlentherapie weisen ähnliche 15-Jahres Überlebensraten auf, unterscheiden sich aber deutlich bei Nebenwirkungen, wie Inkontinenz oder Impotenz. Welche Behandlung zum Einsatz kommt, sollte im Rahmen eines gemeinsamen Entscheidungsprozesses mit dem Patienten festgelegt werden und zwar unabhängig von den ökonomischen Einflüssen auf die einzelnen beteiligten Disziplinen. Die Finanzierung sollte so gestaltet sein, dass der für den Patienten beste Behandlungsplan zählt, nicht der Wettbewerb verschiedener Entitäten um besonders einträgliche Einzelleistungen.