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05.08.2026

Entscheiden auf enger Fahrbahn: Wie wir knappe Ressourcen im Gesundheitswesen einsetzen sollten

«Leben hat keinen Preis» – an dieser Überzeugung halten wir gerne fest. Die Realität sieht anders aus, auch in der Schweiz.

Die Schweiz zählt zu den Ländern mit den höchsten Gesundheitsausgaben der Welt. Pro Kopf sind es rund 10'000 USD jährlich, gegenüber einem OECD-Durchschnitt von 6'000 USD. Insgesamt wendet die Schweiz derzeit rund 12 % ihres Bruttoinlandprodukts für das Gesundheitssystem auf, während der OECD-Durchschnitt bei 9,3 % liegt. Ob dieser Betrag angemessen ist, lässt sich kaum objektiv beantworten. Klar ist jedoch: Auch in einem der wohlhabendsten Länder der Welt sind die personellen und finanziellen Mittel begrenzt und dies nicht nur im Gesundheitswesen - denn auch bei gilt, dass jeder Franken leider nur einmal ausgegeben werden kann.

Genau darum geht es im aktuellen Schwerpunktbeitrag der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW). Prof. Christoph A. Meier, Internist, Endokrinologe und CMO von VIVA Health Swiss, beschreibt darin, wie ökonomische Anreize im Gesundheitswesen bestimmen, wohin Geld und Personal tatsächlich fliessen – und wie stark diese Anreize vom tatsächlichen gesundheitlichen Nutzen für die Bevölkerung abweichen können.

Wenn Anreize den Nutzen verdrängen

Ein Beispiel aus Grossbritannien macht das Problem greifbar: Das National Institute for Health and Care Excellence untersuchte den gesundheitlichen Effekt neuer immunologischer und onkologischer Medikamente, die zwischen 2000 und 2020 eingeführt wurden. Das Fazit fiel deutlich aus: Diese Medikamente verdrängten insgesamt mehr Gesundheitsnutzen an anderen Stelle im System, als sie selbst erzeugten. Geschätzt gingen dadurch rund 1,25 Millionen sogenannte Quality-adjusted Life Years (QALY) verloren, weil dadurch implizit Mittel in anderen Bereichen mit höherem potenziellem Nutzen nicht zur Verfügung standen.

Auch beim Thema Prävention zeigt sich dieses Muster. Ein Lungenscreening mittels Low-Dose-CT bei Rauchenden rettet nachweislich Leben, kostet dabei aber rund 80'000 USD pro gewonnenem QALY. Rauchstopp-Programme erreichen mit rund 5'000 USD pro QALY ein deutlich besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis. Trotzdem werden solche Programme vielerorts kaum noch angeboten, weil sie für Anbieter finanziell nicht attraktiv sind.

Gesundheit entsteht nicht primär im Gesundheitswesen

Ein oft unterschätzter Punkt: Die sogenannten Social Determinants of Health, d.h. sozioökonomische Faktoren, wie Bildung, Arbeit, Wohnsituation und Verhalten, bestimmen 80% der Gesundheit einer Bevölkerung und nur 20 % sind direkt auf die medizinische Versorgung zurückführen. Das relativiert die Bedeutung, die der Spitzenmedizin in der öffentlichen Debatte oft zugeschrieben wird und legt nahe, dass eine optimale Ressourcenallokation über den engeren Gesundheitssektor hinaus gedacht werden muss.

Was ein anderer Ansatz bedeuten würde

Meier plädiert für einen Systemwechsel: weg von einer Vergütung, die sich primär an der Anzahl erbrachter Leistungen orientiert, hin zu einem Wettbewerb auf Basis von transparenten Metriken des tatsächlichen «Impact on Outcome». Voraussetzung dafür wären u.a. eine umfasssendere und automatische Erfassung der Behandlungsresultate ('Outcomes'), sowie ein systematisches Health Technology Assessment (HTA), das in der Schweiz bislang weniger verankert ist, als es für ein medizinisch führendes Land wünschenswert wäre.

Konkret zeigt sich das etwa bei der Behandlung des lokalisierten Prostatakarzinoms. Abwartendes Beobachten, operative Entfernung und Strahlentherapie weisen ähnliche 15-Jahres Überlebensraten auf, unterscheiden sich aber deutlich bei Nebenwirkungen, wie Inkontinenz oder Impotenz. Welche Behandlung zum Einsatz kommt, sollte im Rahmen eines gemeinsamen Entscheidungsprozesses mit dem Patienten festgelegt werden und zwar unabhängig von den ökonomischen Einflüssen auf die einzelnen beteiligten Disziplinen. Die Finanzierung sollte so gestaltet sein, dass der für den Patienten beste Behandlungsplan zählt, nicht der Wettbewerb verschiedener Entitäten um besonders einträgliche Einzelleistungen.

Eine Frage, die alle Leistungserbringer betrifft

Der Beitrag macht deutlich, dass die Debatte um Ressourcenallokation keine rein akademische ist. Sie betrifft jede(n) in unserem Gesundheitssystem der/die täglich zusammen mit den PatientInnen entscheiden, wie wir unsere endlichen presonellen und finanziellen Ressourcen optimal einsetzten. Solange sich ein grosser Teil der Vergütung an einzelnen Leistungen orientiert, bleibt die Versuchung gross, dort zu investieren, wo sich diese am besten abrechnen lassen und nicht da, wo für die Gesamtbevölkerung, den grössten Nutzen liefert.

Quelle: Meier, C. A. (2026). Personal und Finanzen: Überlegungen zur Allokation knapper Ressourcen. SAMW Bulletin, 2/2026, S. 3–5.

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