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07.07.2026

Testosteron – Was stimmt und was nicht

Von Dr. Rahel Sahli, Endokrinologin, Ärztezentrum Ittigen

Testosteron ist eines der meistdiskutierten Hormone überhaupt – und gleichzeitig eines der am häufigsten missverstandenen. In sozialen Medien kursieren Versprechen von Wunderpräparaten, auf YouTube erklären Influencer, wie man seinen Spiegel «natürlich boosten» kann, und in Fitnessstudios flüstert man sich Tipps zu. Was ist dran? Ich war kürzlich beim nationalen SRF-Puls-Chat zu Gast und habe die häufigsten Fragen der Schweizer Bevölkerung beantwortet.

In diesem Artikel räumen wir mit den häufigsten Mythen rund um Testosteron auf und zeigen, was wissenschaftlich belegt ist – und was nicht.

Mythos 1: Kräuter und Supplemente können Testosteronmangel beheben

In meiner Sprechstunde begegne ich regelmässig Patienten, die mir Produkte zeigen, die sie online gekauft haben – oft mit dem Versprechen, Bauchfett zu schmelzen, Muskeln aufzubauen und den Testosteronspiegel zu normalisieren. Alles «natürlich», versteht sich.

Meine klare Aussage dazu: Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis für eine solche Wirkung. Weder für gängige Kräuterpräparate noch für Kombinationsprodukte, die in Werbeanzeigen aggressiv vermarktet werden. Hinzu kommen reale Risiken: Viele dieser Produkte sind nicht offiziell zugelassen, ihre Zusammensetzung ist unklar, und es besteht das Risiko von Lebertoxizität und gefährlichen Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.

Mein Rat: Nehmen Sie nichts ein, was nicht einem offiziell zugelassenen Medikament entspricht – und das immer nach ärztlicher Abklärung.

Mythos 2: Sojaprodukte «verweiblichen» Männer

Dieser Mythos hält sich hartnäckig – besonders in bestimmten Fitness-Communities. Die Befürchtung: Phytoöstrogene in Soja würden den Testosteronspiegel senken und Männer «verweiblichen».

Was die aktuelle Datenlage zeigt: Ein moderater Konsum von Sojaprodukten führt beim Mann nicht zu einer relevanten Reduktion des Testosteronspiegels. Nur bei extremen, weit über dem Normalen liegenden Aufnahmemengen wären theoretisch hormonelle Effekte denkbar – die in der realen Ernährung kaum eine Rolle spielen. Im Gegenteil: Es gibt sogar Hinweise, dass regelmässiger Sojakonsum mit einem geringeren Risiko für Prostatakrebs assoziiert sein könnte.

Mythos 3: Ein tiefer Testosteronwert bedeutet automatisch eine Therapie

Ein einzelner Laborwert im unteren Bereich ist noch keine Diagnose. Ein Testosteronmangel liegt erst dann vor, wenn zwei Kriterien zusammentreffen: ein wiederholt nachgewiesener tiefer Wert (gemessen nüchtern am Morgen) und eine passende klinische Symptomatik. Entscheidend ist das Gesamtbild – nicht der Laborwert allein.

Mythos 4: Testosteron ist ein Anti-Aging-Mittel

Testosteron ist kein Lifestyle-Präparat. Eine Therapie ist nur dann medizinisch sinnvoll, wenn ein echter Mangel vorliegt. Eine Anwendung bei normalem Testosteronspiegel bringt keinen nachgewiesenen Nutzen – dafür aber reale Risiken wie Akne, Haarausfall und eine Zunahme der roten Blutkörperchen.

Was wirklich hilft

Bevor an eine Hormontherapie gedacht wird, lohnt es sich fast immer, zuerst an den Lebensstil zu schauen. Guter Schlaf, regelmässiges Krafttraining, der Abbau von viszeralem Bauchfett und eine ausgewogene Ernährung können den Testosteronspiegel auf natürlichem Weg positiv beeinflussen und das mit nachgewiesener Evidenz.

Für Fragen steht Ihnen Dr. med. Rahel Sahli gerne zur Verfügung

Fachärztin für Endokrinologie
Ärztezentrum Ittigen

Dr. med. Sahli studierte Medizin an der Universität Zürich und schloss ihr Studium 1994 ab. Nach ihrer Weiterbildung an verschiedenen renommierten Kliniken in der Schweiz, darunter das Inselspital Bern, erwarb sie 2005 den Facharzttitel für Endokrinologie und Diabetologie sowie 2007 den Facharzttitel für Innere Medizin. Von 2008 bis 2011 war sie als Oberärztin an der Universitätsklinik für Endokrinologie, Diabetologie und Klinische Ernährung des Inselspitals Bern tätig. Anschliessend arbeitete sie im STEPS Stoffwechselzentrum Biel sowie ab 2014 in der Sanacare Gruppenpraxis Bern. Neben ihrer klinischen Tätigkeit engagiert sie sich in verschiedenen Fachgremien und verfügt über langjährige Expertise in den Bereichen Diabetes, Stoffwechselerkrankungen und Endokrinologie. Seit 2026 verstärkt sie das Team des Ärztezentrums Ittigen und bringt ihre umfassende Erfahrung in die Betreuung ihrer Patientinnen und Patienten ein.

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