Das bedeutet, die eigene Erkrankung und Behandlung so gut wie möglich zu verstehen, Fragen zu stellen, persönliche Ziele und Bedenken offen anzusprechen und Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen und mitzuteilen. Auf dieser Grundlage können Patientinnen und Patienten gemeinsam mit den Gesundheitsfachpersonen informierte Entscheidungen treffen und vereinbarte Massnahmen im Alltag konsequent umsetzen.
Wie wirksam eine solche aktive Rolle sein kann, zeigt eine multizentrische randomisierte klinische Studie mit 592 sozial benachteiligten Erwachsenen mit chronischen Erkrankungen. Die Teilnehmenden erhielten entweder die übliche Versorgung oder zusätzlich eine sechsmonatige, individuell ausgerichtete Begleitung durch speziell geschulte Community Health Workers. Im Mittelpunkt standen nicht allein medizinische Vorgaben, sondern persönliche Gesundheitsziele der Patientinnen und Patienten sowie konkrete Hindernisse, die deren Umsetzung im Alltag erschwerten.
Zwar unterschied sich die selbst eingeschätzte Gesundheit zwischen den Gruppen nicht signifikant, die unterstützte Gruppe bewertete ihre hausärztliche Versorgung jedoch häufiger als qualitativ hochwertig und verbrachte im weiteren Verlauf weniger Tage im Spital.
Die Studie verdeutlicht, dass Empowerment besonders dann wirksam wird, wenn Menschen nicht nur informiert, sondern dabei unterstützt werden, Wissen in persönlich relevantes und realistisches Handeln zu übersetzen.
Gesundheit entsteht schliesslich nicht nur in der Arztpraxis oder im Spital, sondern vor allem zwischen den einzelnen Konsultationen. Wer die eigenen Möglichkeiten kennt, Warnsignale ernst nimmt und sich aktiv einbringt, stärkt deshalb nicht nur das Selbstmanagement, sondern leistet auch einen wesentlichen Beitrag zur Sicherheit und Wirksamkeit der Behandlung.
Empowerment darf dabei jedoch nicht bedeuten, die Verantwortung für Gesundheit allein den Patientinnen und Patienten zu übertragen. Es ist eine gemeinsame Aufgabe: Das Gesundheitssystem muss verständliche und verlässliche Informationen, erreichbare Ansprechpersonen und echte Beteiligung ermöglichen. Erst dann kann aus medizinischem Wissen wirksames Handeln im Alltag werden.
João Magalhães, MD, MSc, MPH
Ärztlicher Regionalleiter Integrierte Versorgung
Region Zürich, St. Gallen, Schaffhausen